Ein Statthalter, der seinesgleichen sucht

Einmal, nicht lange nachdem ‘Umar radhiyallahu ‘anhu Sa’ied bin ‘Aamir radhiyallahu ‘anhu zum Statthalter von Homs (heut. Syrien, auch Hims genannt) ernannt hatte, kamen vertrauens­würdige Reisende aus Homs, um den Führer der Gläubigen radhiyallahu ‘anhu zu sehen. Bei diesem Treffen bat er sie, eine Liste aller armen Menschen der Stadt zu erstellen, damit er sich um sie kümmern konnte. Die Leute von Homs verfassten eine Liste und überreichten sie ‘Umar radhiyallahu ‘anhu.

Als ‘Umar radhiyallahu ‘anhu die Namensliste erhielt, ging er sie durch und bemerkte den Namen von Sa’ied bin ’Aamir auf der Liste. Er erkundigte sich bei den Leuten, wer diese Person sei. Sie sagten ihm, dass es sich um ihren Gouverneur Sa’ied bin ‘Aamir radhiyallahu ‘anhu handelte.

‘Umar radhiyallahuanhu war verblüfft und fragte somit: „Wie kann Euer Anführer ein Bettler sein? Hat er kein Gehalt? Was ist mit seinem Lohn?“ Die Leute erklärten ‘Umar radhiyallahu ‘anhu, dass ihr Anführer nichts für sich behält (sondern dass er alles, was er erhält, für die Bedürftigen ausgibt). Als er den bedauernswerten Zustand ihres Anführers hörte, brach ‘Umar radhiyallahu ‘anhu in Tränen aus.

Hierauf nahm ‘Umar radhiyallahu ‘anhu 1000 Goldmünzen, tat sie in einen Beutel hinein und verschickte diesen an Sa’ied radhiyal­lahu ‘anhu. Den Boten, der mit der Übergabe betraut wurde, wies er an, Sa’ied radhiyallahu ‘anhu seinen Salaam-Gruß zu überbringen und ihm mitzuteilen, dass dieser Beutel vom Amierul Muminien kam, damit er damit seine Bedürfnisse erfüllen könne. Als Sa’ied radhiyallahu ‘anhu den Beutel öffnete und die Goldmünzen sah, rief er: „Innaa lillaahi wa innaa ilaihi raaji‘uun!“ (Wahrlich, wir gehören Allah, und gewiss, zu Ihm kehren wir zurück.)

Als seine Frau dies hörte, fragte sie: „Was ist passiert? Ist der Amierul Mu-minien verstorben?“ Sa’ied radhiyallahu ‘anhu sagte ihr, dass es etwas Ernsteres sei. Sie fragte ihn weiter: „Ist ein Zeichen (von Qiyaamah) sichtbar geworden?“ Er sagte ihr erneut, dass es sich um etwas noch Ernsteres handelte. Dann fragte sie: „Ist es dann eine der Angelegenheiten von Qiyaamah (selbst)?“ Sa’ied radhiyallahu ‘anhu antwortete erneut, dass es sich auch um etwas Ernsteres handele.

Sie wusste nicht, was ernster sein könnte und bat ihn deshalb, ihr zu erklären, was passiert sei. Er erklärte ihr, dass die Versuchung des weltlichen Lebens zu ihm gekommen ist! Sie sagte ihm, dass er doch den Reichtum nach Belieben ausgeben solle. Sa’ied radhiyallahu ‘anhu wiederum bat sie, ob sie ihn (bei der Aus­zahlung dieses Vermögens) unterstützen würde, und sie versicherte ihm, dies zu tun.

Sa’ied radhiyallahu ‘anhu nahm daraufhin die Goldmünzen und steckte sie in einen Beutel. Anschließend ging er zu einem Bataillon der muslimischen Armee und verteilte den gesamten Betrag bis zur letzten Münze unter ihnen.

Nachdem alle Münzen verteilt waren, fragte ihn seine Frau, warum er nicht einen Teil des Geldes zurückbehalten habe, damit sie für ihren eigenen Bedarf sorgen könnten. Als Antwort darauf begann Sa‘ied bin ‘Aamir radhiyallahu ‘anhu, seiner Frau einen Hadith zu erklären, den er direkt von Rasulullah sallallahu ‘alaihi wasallam gehört hatte und welcher besagte, dass auch nur eine der Gaben von Jannah weitaus besser sei als diese Welt. Daraufhin erklärte er ihr weiter, dass er nicht bereit sei, der materiellen Welt den Vorzug vor den Gaben des Jannahs zu geben.

Nicht lange danach reiste ‘Umar Ibn Al-Khattab radhiyallahu ‘anhu nach Syrien, um sich selbst einen Überblick über die Lebensbedingungen der Menschen zu verschaffen. Er ging nach Homs, das den Spitznamen „Klein-Kufah“ erhalten hatte, weil sich seine Bewohner, wie auch die des ursprünglichen Kufah, ständig über ihre Beamten und Gouverneure beschwerten. Als er ankam, kamen die Bürger heraus, um ihm einen Empfang zu bereiten, woraufhin er sie fragte, ob ihnen ihr neuer Gouverneur gefalle.

Sie beschwerten sich bitterlich über eine Reihe von Dingen, die Sa’ied tat, insbesondere aber über vier Dinge. ‘Umar radhiyallahu ‘anhu berichtete selbst: „Also ließ ich sie ihn konfrontieren und betete zu Allah, dass ich nicht von ihm enttäuscht werden würde, denn ich hatte großes Vertrauen in ihn. Ich fragte sie: ‚Welche Beschwerde habt ihr gegenüber eurem Gouverneur?’ Sie antworteten: ,Er kommt erst spät am Morgen, um sich um unsere Angelegenheiten zu kümmern.‘ Ich fragte: ‚Was sagst du dazu, Sa’ied?‘ Er schwieg einen Moment, bevor er antwortete: ‚Ich wollte eigentlich nie darüber sprechen, aber es scheint so, dass ich es muss. Meine Frau hat keinen Diener, der ihr bei der Hausarbeit hilft, also stehe ich jeden morgen früh auf, knete den Teig für die Familie, warte eine Weile, bis er aufgeht, und backe das Brot für sie. Dann mache ich meine Waschung und gehe raus zu den Leuten.‘“

„Also fragte ich sie, welche anderen Beschwerden sie über ihn hätten, und sie sagten, er sei nachts nie für ihre Angelegenheiten da. Ich sagte: ‚Was sagst du dazu, Sa’ied?‘ Er antwortete: ,Ich wollte dies ebenfalls nicht öffentlich machen, aber ich habe den Tag für ihre Angelegenheiten und die Nacht für die Anbetung Allahs festgelegt.‘“

„Ich fragte, welche weitere Beschwerden sie hätten, und sie sagten: ‚An einem Tag im Monat kommt er überhaupt nicht zu uns.‘ Ich fragte Sa‘ied nach dem Grund dafür und er sagte: „O Führer der Gläubigen, ich habe keinen Diener und keine Kleidung außer der, die ich trage. Ich wasche sie einmal im Monat mit meinen eigenen Händen, und es dauert einen ganzen Tag, bis die Kleidung trocknet, damit ich sie wieder anziehen und rausgehen kann.’ Als ich fragte, worüber sie sich sonst noch beschwerten, sagten sie, dass er von Zeit zu Zeit in Ohnmacht zu fallen schien und dabei das Bewusstsein für seine Umgebung verlor. Als ich Sa‘ied nach dem Grund dafür fragte, sagte er: ,Ich war Zeuge der Hinrichtung von Khubaib bin ‘Adiy radhiyallahu ‘anhu als ich noch ein Heide war und sah, wie die Leute der Quraish ihn in Stücke schnitten und ihn dabei fragten, ob er wünschte, dass Muhammad sallallahu ‘alaihi wasallam jetzt an seiner Stelle sei. Ich hörte, wie er sagte, er würde sich nie wünschen, dass er bei seiner Familie sicher und geborgen sei, und dass Muhammad sallallahu ‘alaihi wasallam auch nur einen Dorn in sein Auge bekommen würde. Jedes Mal, wenn ich mich an diesen Tag erinnere und daran, dass ich ihm nicht geholfen habe, fürchte ich, dass Allah mir niemals vergeben wird, und deshalb werde ich ohnmächtig.‘“

An diesem Punkt sagte ‘Umar radhiyallahu ‘anhu: „Gelobt sei Allah, der mich mit dir nicht enttäuscht hat.“ Dann ließ er tausend Dinar zu seinem Haus schicken, damit er für seine Bedürfnisse sorgen konnte. Als Sa’ieds Frau die Münzen sah, sagte sie zu ihm: „Gelobt sei Allah, der dafür gesorgt hat, dass wir zu Hause nicht länger auf deine Hilfe angewiesen sind. Kaufe uns etwas Proviant und stelle uns einen Diener ein.“

„Soll ich dir etwas Besseres besorgen?“, fragte er. Sie erwiderte „Was könnte das sein?“ Er antwortete: „Wir werden die Münzen demjenigen geben, der sie uns zurückgeben kann, wenn wir sie am meisten brauchen.“ Verwirrt sagte sie: „Ich verstehe es immer noch nicht.“ Er sagte: „Wir werden es Allah als ein schönes Darlehen geben.“ Sie sagte: „Jetzt verstehe ich, und Er wird es uns um ein Vielfaches zurück­zahlen.“

An Ort und Stelle teilte er das Geld in Portionen auf und schickte jemanden aus seinem Haushalt, der es unter den Witwen, Waisen und Armen verteilen sollte.

Möge Allah mit Sa’ied Ibn ‘Aamir Al-Jumahi zufrieden sein, denn er war anderen gegenüber großzügig, selbst wenn er in äußerster Not war.

Quellen: Az-Zuhd lil Imaam Ahmad, Hayaat us Sahabah u. a.

Lektionen:

1. Eine Führungsposition ist eine große Verantwortung, die mit Ehrlichkeit und Integrität erfüllt werden muss. Sie darf nicht zum eigenen Nutzen und zum persönlichen Vorteil eingesetzt werden. Daher gehörte Sa’ied bin ‘Aamir radhiyallahu ‘anhu, obwohl er der Anführer war, zu den armen Leuten der Stadt.

2. Die Sahaabah radhiyallahu ‘anhum hatten immer das Aakhirah vor sich. Es war diese ständige Präsenz des Jenseits in ihren Herzen und Gedanken, die dazu führte, dass sie das Interesse an den vorübergehenden Gaben dieser Welt verloren hatten und den Dien in jedem Aspekt ihres Lebens den Vorzug gaben. Jeder Gläubige muss sich selbst, seine Freunde und seine Familie ständig an die ewigen Gaben des Aakhirah erinnern. Durch die Einführung dieser Gewohnheit wird er in sha Allah dazu ermutigt, in seinem Leben mehr gute Taten zu bewirken, und die Liebe zu dieser Welt wird in seinem Herzen abnehmen. In diesem Zusammen­hang wird dringend empfohlen, täglich Ta’liem von Fazaail-e-Sadaqaat zu Hause durchzuführen.

3. Eine der größten Gaben, die ein Mensch genießen kann, ist ein frommer und unterstützender Ehepartner. Die Frau von Sa’ied bin ‘Aamir radhiyallahu ‘anhu war bereit, ihren Mann zu unter­stützen, auch wenn das bedeutete, dass sie ein armes Leben führen musste. Wir sollten daher unsere Ehepartner im Dien unter­stützen und niemals zu einem Hindernis für sie werden, die Nähe von Allah ta‘ala zu erlangen. Bei der Suche nach einem Ehepartner für uns selbst oder unsere Kinder sollte dies ebenfalls oberste Priorität haben.